Ist Brokkoli auch im Weltraum grün?

Essen im All wie Gott in Frankreich? Die Weltraumnahrung ist heute mit den normalen Speisen auf Erden vergleichbar. Dennoch: Trotz Filet-Mignon und Vanilleeis ist der Weg zum Sternerestaurant im Orbit eine Wissenschaft für sich, erklärt Marina Heer, Expertin für Weltraumnahrung.

Frau Heer, ist es das ultimative Gasterlebnis, für Astronauten zu kochen?

Mir fällt zumindest nichts Schwierigeres ein. Es gibt dabei zwei Ansätze: Die einen verpacken Kalorien und Nährstoffe und hoffen, dass es schon schmecken wird. Die anderen sagen, die Verpackung sollte auch schmackhaft aussehen. Wir wissen nicht, ob und wie sich der Geschmacks- und Geruchssinn in der Schwerelosigkeit ändert. Wir hören das zwar immer wieder von Astronauten, aber wir haben noch keine wissenschaftlichen Daten.


Die beiden Sterneköche Alain Ducasse und Harald Wohlfahrt haben Gerichte für die Raumfahrt entwickelt. Sie als Expertin für Weltraumnahrung mit den beiden Sterneköchen am Herd - wer hat da die Chefmütze auf?

Ich traue mir nicht wirklich zu, einem Drei-Sterne-Koch zu sagen, wie er sein Rezept würzen soll. Meine Aufgabe ist, den Köchen Grenzwerte für Nährstoffe aufzuzeigen. Die Produkte waren in der Vergangenheit oft sehr kochsalzreich. Dann hat man beobachtet, dass das zu Veränderungen im Herz-Kreislauf-System oder im Sehvermögen der Astronauten führen kann. Deshalb sind hier Limits vorgegeben.


Ein Restaurant im Orbit - wie könnte es aussehen, das ultimative Sternenrestaurant?

Ein interessanter Gedanke. Aber das Highlight wäre vermutlich der Ausblick auf die Erde, weniger die lukullische Köstlichkeit. Aufgrund der Schwerelosigkeit leiden drei von vier Astronauten am Anfang ihrer Mission unter Übelkeit und Erbrechen. Da muss man schon ein wenig länger an Bord sein, bevor man ein Drei-Sterne-Menü wirklich genießen kann.


Aber gegessen werden könnte theoretisch alles?

Fast alles. Die meisten Menschen meinen, Astronautennahrung wäre Formula-Diät, Flüssignahrung, wie man sie in der Apotheke bekommt. Das stimmt aber nicht. Astronautennahrung ist so produziert, dass sie keimfrei ist, entweder durch Gefriertrocknung oder Sterilisation. Heute weiß man, dass Astronauten alles essen können. Es gibt keine besonderen Blähungen an Bord, man kann sehr wohl ballaststoffreiche Produkte konsumieren. Nur die Haltbarkeit steht über allem. Die Produkte müssen mindestens sechs Monate haltbar sein. Man will nicht riskieren, dass aufgrund eines verdorbenen Produktes eine Mission abgebrochen werden muss. Ansonsten sind Zutaten für Gerichte unbegrenzt, bis auf Ausnahmen wie etwa Alkohol.

Das Auge isst auch im Weltraum mit

Dr. Martina Heer

Was haben die Starköche noch herausgefunden?

Alain Ducasse hat, als er seine Rezepturen entwickelte, eine Kochschule hinzugezogen, um den Prozess der Sterilisation zu analysieren. Der Brokkoli hatte sich grau gefärbt, man wollte aber die grüne Farbe erhalten. Also hat man Verfahren entwickelt, um herauszufinden, wie viel Grad man wie lange anwenden muss, damit das Produkt einerseits keimfrei wird, aber andererseits Farbe und Struktur beibehält. Das Auge isst auch im Weltraum mit.


Die Weltraumpioniere der Apollo-Missionen würden neidisch auf die Menükarten ihrer Nachfahren schauen…

…nun ja, die Skylab Mission der NASA hatte schon Anfang der 1970er Jahre einen Gefrierschrank an Bord der Raumstation, da gab es Vanilleeis und Filet Mignon. Als man mit der Weiterentwicklung der Raumstation den Strombedarf ermittelt hat, fiel das dem Rotstift zum Opfer. Die Produkte mussten so entwickelt werden, dass sie bei normaler Raumtemperatur stabil bleiben. So ist es heute noch.


Was verbraucht der Astronaut in einer Woche?

Die Kalorien sind individuell unterschiedlich. Wir empfehlen die Menge an Nährstoffaufnahme pro Tag und berücksichtigen, dass in dieser auch 0,8 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht sein sollte - wie auf der Erde auch. Seit neuestem haben Astronauten auch eine App, durch die sie ihre Nährstoffaufnahme überprüfen können.

Und wenn die Reise weiter weg geht, Stichwort: Mars-Mission?

Noch ist das utopisch. Der kürzeste Flug hin und zurück würde 14 bis 16 Monate dauern. Es wird nicht möglich sein, alle notwendige Nahrung an Bord einer Mars-Mission mitzunehmen. Wir müssen deshalb überlegen, was wir an Bord produzieren können, etwa mit Gewächshäusern, um Obst und Gemüse zu pflanzen. Fisch oder Algen könnten eine Eiweißquelle sein.

Dann vielleicht doch erst einmal ein Weltraumrestaurant?

Vielleicht. Wenn man sich aber überlegt, wie viele Menschen sich schon auf die Listen der Touristenflüge haben eintragen lassen, dann wird es mit Sicherheit auch jemanden geben, der sich besondere Produkte für diese Flüge ausdenkt.

Die Expertin Martina Heer

Dr. Martina Heer
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Die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Martina Heer forscht seit 1998 am ESA European Astronaut Center an der Ernährung der Astronauten auf der Internationalen Raumstation ISS. Sie ist führende Expertin auf ihrem Gebiet, hat den Vorsitz der Internationalen Gesellschaft für Gravitationsphysiologie inne und ist Professorin am Institut für Ernährungswissenschaft der Universität Bonn.

 

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