Wie viel Innovationspotenzial steckt in einem Verbot?

Strohhalme, Geschirr & Co – einige Plastik-Einwegprodukte will die EU künftig verbieten. Denn ohne Veränderung wird in rund 30 Jahren mehr Plastikmüll als Fisch in den Weltmeeren schwimmen. Doch liegt in Verboten tatsächlich das Potenzial für Veränderungen? Im Gespräch mit Wissenschaftler Henning Wilts.

Herr Wilts, das Verbot von Einweg-Plastikartikeln steht vor der Tür: Bringen Verbote die nötige Schubkraft für Innovation mit sich?

Ich hoffe, dass anstatt "innovativ" darin zu werden, wie wir Verbote umgehen können, wir die Energie dafür nutzen, tatsächlich über eine positive Vision von Kunststoff in der Kreislaufwirtschaft nachzudenken. Bei 26 Millionen Tonnen Kunststoffabfall, die pro Jahr in Europa anfallen, liegt der Rezyklatanteil bei Verpackungen unter 10 %. Dass wir da noch deutlich besser werden können, bestreitet, glaube ich, keiner.

Beim Thema Kreislaufwirtschaft mangelt es nicht an erfolgversprechenden Innovationen.

Henning Wilts

Was können Politik, Verpackungsindustrie, Handel, Konsument und Recycling-Wirtschaft besser machen?

In der Vergangenheit haben wir alle nur unseren jeweiligen Part der Wertschöpfungskette optimiert und zu wenig darauf geachtet, ob unser Handeln bei den anderen Prozessbeteiligten Probleme verursacht. Wichtig wäre also vor allem mehr und bessere Abstimmung zwischen allen Beteiligten. Das klingt einfach, erfordert aber ganz neue Prozesse. Wenn wir aber recyclingfreundlichere Verpackungen haben wollen, die der Konsument am Ende auch noch richtig sortiert entsorgt und dabei versteht, wieso recyclebarer Kunststoff besser ist als Einwegplastik, dann ist das Miteinander der einzige Weg. Das gilt für die Wirtschaft, genauso aber auch für die Politik, die noch zu häufig widersprüchliche Anforderungen an Verpackungen stellt.

Zahlen und Fakten

  • 626 Kilogramm Abfall produziert jeder Deutsche pro Jahr, darunter 6 Millionen Tonnen Plastikabfall
  • 220 Kilogramm Verpackungsmüll, meist Plastik, fallen pro Kopf im Jahr in Deutschland an
  • Lediglich 36 % des Plastikmülls werden derzeit recycelt
  • Pro Jahr landen weltweit bis zu 13 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Weltmeeren – das entspricht einer Müllwagenladung, die pro Minute in die Ozeane gekippt wird

  • Ändert sich daran nichts, wird 2050 - gemessen am Gewicht - mehr Müll im Ozean schwimmen als Fische
  • Bereits heute befindet sich eine Plastikmüllinsel im Pazifik, die mit 1,6 Millionen Quadratkilometern dreimal so groß ist wie Frankreich
  • Plastikmüll im Ozean wird über Zeit zersetzt und landet als Mikroplastik in der Nahrung von Meeresbewohnern - und damit auch auf unseren Tellern - die Folgen von Mikroplastik auf die Gesundheit von Mensch und Tier sind noch nicht ausreichend erforscht
  • Um Nachhaltigkeit im Umgang mit Rohstoffen stärker zu fördern und Verpackungsmüll einzudämmen, bilden drei Leitlinien eine Orientierung: Reduce, Reuse, Recycle

Wie kann Plastik künftig in größeren Mengen und besser recycelt werden?

Der Rezyklatanteil wird sich automatisch erhöhen, wenn gezielt für die Qualitätsanforderungen der Industrie recycelt wird. Dafür muss die Recyclingindustrie wieder stärker in neue Technologien investieren. Das hat sie in den letzten Jahren nicht ausreichend getan. Gleichzeitig muss aber auch die Industrie überlegen, wo und wie sie den Rezyklateinsatz fördern kann. Der einfachste Weg wäre Regelungen zu verwerfen, die unnötig den Einsatz von Primärmaterial fordern.

Bioplastik, kompostierbare Plastik, hochwertige Rohstoffe und Sekundärmarkt - wie gelingt der Kreislauf?

Beim Thema Kreislaufwirtschaft mangelt es nicht an erfolgversprechenden Innovationen. Überall werden neue Ansätze ausprobiert. Meiner Meinung nach werden wir das Problem aber nicht allein technisch lösen. Was aktuell fehlt, ist eine gemeinsame Idee, wo wir eigentlich hinwollen: Kein Plastik, recyclingfreundliches Plastik, sich selbst zersetzendes Plastik oder Verbrennung mit Fernwärme? Vor allem die Konsumenten sind zu Recht total verunsichert und fühlen sich nicht mitgenommen. Es braucht ein gemeinsames und nachvollziehbares Ziel - und dann können alle überlegen, wie man das am besten erreicht.

Vom Handel würde ich mir in erster Linie wünschen, dass er sich auf gemeinsame Standards für wiederverwendbare Transportverpackungen einigt.

Henning Wilts

Um dieses Ziel zu erreichen, was wäre aus Ihrer Sicht je eine konkrete Aufforderung an Politik, Verpackungsindustrie, Handel, Konsument und Recycling-Wirtschaft formulieren?

Aufgabe der Politik wäre es meiner Meinung nach, eine klare Vision für die ressourceneffiziente Nutzung von Kunststoffen im Rahmen einer Kreislaufwirtschaftsstrategie zu entwickeln. Die Verpackungsindustrie muss selbst überlegen, auf welche komplett überflüssigen Verpackungen sie in Zukunft verzichten will, wenn es nicht irgendwann auch hier Verbote hageln soll. Vom Handel würde ich mir in erster Linie wünschen, dass er sich endlich auf gemeinsame Standards für wiederverwendbare Transportverpackungen einigt. Hier fallen riesige Mengen an, für die es längst technische Lösungen gäbe – wenn nicht jeder auf sein eigenes System bestehen würde. Auf der Abfallseite sind die Akteure gefragt, Vorschläge für ein Gebührensystem für Verpackungen zu entwickeln, das ökologische Kriterien berücksichtigt. Wer ressourcenleichte Verpackungslösungen vorhält, sollte weniger Gebühren zahlen müssen und umgekehrt. Dabei darf es aber nicht nur um Recyclingfähigkeit gehen: wer die gleiche Qualität mit weniger Verpackung schafft, sollte belohnt werden. Ich bin kein Freund davon, Verantwortung beim einzelnen Konsumenten abzuladen, aber ich würde mir einen bewussteren Umgang mit Verpackungsmaterial wünschen: auf unnötige Verpackung verzichten, Online-Bestellungen bündeln und bewusst trennen und entsorgen. Und ich wünsche mir, dass sich mehr Leute direkt an die Hersteller wenden, wenn sie sich über unsinnige Verpackungen aufregen.

Über ... Henning Wilts

Dr. Henning Wilts leitet den Bereich Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. Ihn treibt die gigantische Menge von 350 Millionen Tonnen Abfall an, die wir in Deutschland jedes Jahr verursachen. Gemeinsam mit Unternehmen, NGOs und Politik versucht er, Visionen einer ressourceneffizienten Kreislaufwirtschaft zu entwickeln und umzusetzen. www.wupperinst.org

© Portraitbild: Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie