Welchen Unterschied können 1,5°C wirklich machen?

Es sind nicht einmal zwei Striche auf der Skala eines Thermometers, aber anderthalb Grad entscheiden über unsere Zukunft und die Zukunft des Planeten, sagt der Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung Johan Rockström.

1.5°C sieht auf dem Thermometer nach wenig aus: Was bedeutet diese Zahl für unseren Planeten wirklich?

1 Grad Erwärmung ist bereits erreicht. Wie sich das anfühlt, ließ sich im letzten Sommer schon erahnen. 2018 könnte als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem die Folgen der Erderwärmung erstmals um den ganzen Erdball herum spürbar wurden: Hitzewelle und Überflutung in Japan, massive Dürre im Winter in Australien, die bislang schlimmsten Waldbrände in Kalifornien, ungewöhnliche Hitze und Trockenheit im Sommer auf der gesamten Nordhalbkugel, der stärkste Monsun in Indien seit 50 Jahren, mit 51,2 Grad Celsius die höchste jemals in Afrika gemessene Temperatur, außergewöhnlich starke tropische Wirbelstürme wie die Hurrikans "Michael" und "Florence". Und das alles bei nur einem Grad mehr! Es ist wichtig zu verstehen, dass wir mit einer menschgemachten Erwärmung von 1 Grad bereits die höchste Temperatur seit der letzten Eiszeit erreicht haben. Dass ein Planet mit mehr Hitze auch turbulenter wird und mit heftigeren Extremereignissen reagiert, ist keine Überraschung. Schon bei einer globalen Erwärmung von 1,5 Grad könnte noch weit mehr auf dem Spiel stehen - wir könnten einen Kipp-Punkt überschreiten: Tropische Korallenriffe könnten dauerhaft verloren gehen. Extreme Wetterereignisse würden wahrscheinlicher. Der Meeresspiegel würde deutlich ansteigen. Deshalb zählt jedes Zehntel Grad.

Heute haben wir noch ein entscheidendes Jahrzehnt für eine CO2-Kehrtwende, um die Menschen vor den größten Risiken des Klimawandels zu schützen.

Johan Rockström

Wenn wir es nicht schaffen, die globale Erderwärmung auf 1.5°C zu beschränken: Was sind die Konsequenzen für uns und unseren Planeten?

Schaffen wir es nicht, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, könnten wir uns anderen Kipp-Punkten im Erdsystem nähern, die zu einer sich selbst verstärkenden weiteren Erderwärmung führen könnten. Wenn beispielsweise das arktische Meereis schmilzt, die Polarregion dunkler wird und weniger Sonneneinstrahlung reflektiert wird. Oder wenn durch tauenden Permafrost Methan in die Atmosphäre gelangt und der Boden vom Speicher zur Quelle von Treibhausgasen wird. Oder wenn der in Bäumen gespeicherte Kohlenstoff durch verheerende Waldbrände oder Waldsterben infolge von Trockenheit und Krankheiten abrupt frei wird. Leider können wir nicht ausschließen, dass wir mit einer Erwärmung von 2 Grad bereits eine planetare Grenze überschreiten und der Planet in einen Zustand der „Heißzeit“ versetzt wird, in dem sich das Klima durch die Freisetzung von Treibhausgasen und Wärme aus Land und Ozeanen selbst weiter erwärmen würde. Heute haben wir noch ein entscheidendes Jahrzehnt für eine CO2-Kehrtwende, um die Menschen vor den größten Risiken des Klimawandels zu schützen.

Angesichts dieser Ausmaße: Was kann jeder Einzelne tun, um etwas zum Guten zu verändern? Und was fordern Sie von Unternehmen und Politik?

Wir können nicht die ganze Verantwortung auf den Einzelnen abladen. Um eine nachhaltige Klimazukunft für kommende Generationen zu sichern, braucht es große Veränderungen in unserer Gesellschaft – von der vollständigen Abkehr von fossilen Energieträgern in nur 30 Jahren bis hin zu einem Wandel in der Nahrungsmittelproduktion, die keine Ökosysteme zerstört. Dies kann nur durch politische Führung und verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln erreicht werden. Gleichzeitig entscheiden wir selbst was wir kaufen, wie wir uns fortbewegen und was wir essen. Wir selbst wählen unsere politischen Entscheider. Zweifellos ist also jeder Einzelne wichtig, als unverzichtbarer Teil einer globalen Bewegung. Darüber hinaus kann jeder ein wenig zur Stabilisierung des Klimas beitragen, etwa durch weniger Autofahren oder fliegen, mehr Obst und Gemüse auf dem Teller statt Fleisch und Milchprodukte oder weniger Verschwendung von Lebensmitteln. Politik wird nicht nur von den Bürgern, sondern auch von der Wirtschaft beeinflusst. Für eine ambitionierte Klimapolitik brauchen wir Banken, Versicherungen und Großkonzerne wie die METRO AG, die Verantwortung übernehmen. Nachhaltigkeit muss als eine innovativere, wettbewerbsfähigere und erfolgreichere Alternative konzipiert werden. METRO könnte bei dieser Transformation hin zu einer nachhaltigen, klimafreundlichen Industrie an vorderster Front stehen. Denn die Treibhausgasemissionen müssen im nächsten Jahrzehnt halbiert und dann in jeder weiteren Dekade nochmals halbiert werden, um bis 2050 auf null zu kommen.

Johan Rockström Copyright M. Axelsson/Azote

Johan Rockström ist ein international anerkannter Wissenschaftler für seine Arbeit zu globalen Nachhaltigkeitsthemen. Er half bei der Leitung des international renommierten Teams von Wissenschaftlern, das den „ Rahmen für die planetarischen Grenzen“ präsentierte. Darüber hinaus fungiert Rockström als Berater für mehrere Regierungen und Unternehmensnetzwerke.

Er fungiert auch als Berater für Fragen der nachhaltigen Entwicklung bei wichtigen internationalen Treffen wie den Generalversammlungen der Vereinten Nationen, den Weltwirtschaftsforen und der Rahmenkonvention der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (UNFCCC, auch bekannt als COP).

Darüber hinaus fungiert Rockström als Vorsitzender des Beirats der EAT Foundation, einem Netzwerk, das Wissen über Lebensmittel, Gesundheit und Nachhaltigkeit integriert, um darauf hinzuarbeiten, Umweltgrenzwerte für gesunde Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung festzulegen.

 

 


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