„Das Wichtigste ist der Genuss!

Rot oder weiß? Zu welchem Gericht? Und wie wirkt sich der Klimawandel auf Weinanbau und -trends aus? Clara Richert (30), Head of Wine Global Sourcing im Bereich Own Brands bei der METRO AG, besitzt nicht nur 500 Flaschen Wein. Sie ist ausgebildete Weinexpertin – und hat MPULSE verraten, worauf es wirklich ankommt.

Über ... Clara Richert

Als Head of Wine verfolgt Clara die neuesten Trends, analysiert Performance- und Verkaufszahlen und tauscht sich täglich mit ihrem Team aus. Sie hält Meetings mit Country Category Managern und Produzenten ab und organisiert interne Weintastings der neuesten METRO Weine. Clara leitet zahlreiche Projekte und nimmt mit ihrem Team an allen wichtigen Weinmessen teil, etwa an der jährlich stattfindenden „ProWein“ in Düsseldorf, der größten Weinmesse weltweit.


Clara, das Wichtigste zuerst: Rot oder weiß?

Beides, das hängt ganz von der Situation ab. 😀

Okay, und welcher Wein in welcher Situation?

Ich möchte zwar nicht verallgemeinern, aber Rotwein passt perfekt zu Fleischgerichten, da er mehr Geschmack und Struktur hat - aber auch hier kommt es auf das Profil an. Weißwein hingegen trinke ich gerne einfach zum Nippen, da er leichter und oft fruchtiger ist – deshalb passt er auch besser in den Sommer als Rotwein. Und Sekt ist ein guter Start oder Abschluss vor und nach dem Essen.

Stimmt es, dass du einen eigenen Weinkeller hast? Mit wie vielen Flaschen?

Genaugenommen habe ich sogar drei: einen bei mir zu Hause, einen in meinem Elternhaus und der Dritte befindet sich bei meinen Schwiegereltern. Insgesamt besitze ich circa 500 Flaschen. Zu Coronazeiten waren es sogar mal um die 600, da ich mehr Zeit zum Sammeln hatte. Da habe ich sogar eine Excelliste geführt, damit ich nicht den Überblick verliere. 😀

Eine echte Sammelleidenschaft… Wie und wann hast du deine Leidenschaft für Wein entdeckt?

Hm, da war ich 16 – und hatte noch keine Ahnung von Wein. Ein Freund hat mir eine Einführung in die Weinverkostung in einer Weinbar in Straßburg geschenkt. Der Sommelier war super talentiert und enthusiastisch und die Atmosphäre leicht und positiv. Ich hatte das Gefühl, in dem Moment genau am richtigen Ort zu sein. Nach diesem Abend war ich überzeugt, dass der Berufsweg in die Weinwelt genau das Richtige für mich ist.

Wie hast du dann Wein zu deinem Beruf gemacht?

Erst hatte ich Bedenken, mich komplett auf Wein zu spezialisieren. Also habe ich erstmal einen Master in International Trade and Business Engineering gemacht. Später habe ich mich aber eines Besseren besonnen und entschieden, eine Zertifizierung für Wein zu absolvieren, um das technische Know-how zu lernen. Das ist die sogenannte WSET-Zertifizierung des Wine and Spirit Education Trust. Inzwischen habe ich alle vier Level absolviert. Außerdem habe ich dieses Jahr mit dem Master of Wine-Programm mit Sitz in London angefangen. Das beinhaltet Kurse, Seminare und wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Wein und dauert mindestens fünf Jahre. Der Titel „Master of Wine“ ist quasi der heilige Gral der Weinkenner – das Diplom ist das Angesehenste der Welt. Seit Beginn des Programms vor 70 Jahren haben Stand jetzt nur 413 Personen den Titel erhalten.

Chapeau, klingt nach einem gewaltigen Schritt auf deiner Karriereleiter. Wie kamst du denn zu METRO?

Meine berufliche Karriere habe ich mit 20 Jahren als Werkstudentin bei einem Weinlieferanten gestartet. Dort war ich für Handelstätigkeiten in Exportländern wie Großbritannien und den USA zuständig. Danach habe ich als Exportdirektorin für eine Weingesellschaft gearbeitet. Dort war ich zweieinhalb Jahre, bevor ich mein Abenteuer bei der METRO AG als Head of Wine in der Beschaffung für französischen, italienischen und deutschen Wein gestartet habe. Nach meiner Zeit auf Produzentenseite hatte ich Lust, auf die Seite der Käufer und somit die Rollen zu wechseln. Die Kundschaft von METRO war einer der Gründe, weshalb ich hier unbedingt arbeiten wollte: Wir arbeiten mit Gastronomen und Wein-Coinnosseuren zusammen, mit denen die Arbeit total spannend ist. Wir als METRO stellen mit unseren Lieferanten auch unsere eigenen Cuvées zusammen – viele unserer Weine im Store sind exklusiv von uns für unsere Kunden hergestellt worden.

Hast du jemals bei einer Ernte oder im Weinkeller mitgearbeitet?

Oh, ja! In meinen zehn Jahren auf Produzentenseite konnte ich viele dieser Erfahrungen mitnehmen. In meinem Job als Exportleiterin war ich dafür verantwortlich, dass wir ein gleichbleibend hohes Qualitätsniveau liefern und der Geschmack des Weines dem jeweiligen Markt entspricht. Daher war ich immer in den technischen Prozess der Produktion involviert. Für mich war es aber auch immer eine Frage des Respekts gegenüber den Weinbauern und Winzern, beim Anbau, bei der Ernte und der Produktion dabei zu sein. Und auch hier bei METRO pflegen wir enge Beziehungen zu unseren Partnern. Wir besuchen regelmäßig die Weingüter unserer Lieferanten, probieren gemeinsam neue Weine. Das alles ist sehr wichtig, um die Prozesse hinter dem Wein verstehen und uns in die Lage der Produzenten versetzen zu können.

Findest du, dass Frauen es in der Weinindustrie schwieriger haben als Männer? Hast du viel mit Klischees zu kämpfen?

Ich glaube, das ist landes- und kulturabhängig. Frauen haben es an einigen Stellen mit Sicherheit schwerer als Männer. Ich persönlich habe in meinem Beruf aber nie Diskriminierung aufgrund meines Geschlechts erfahren. In meinem Fall ist es eher mein Alter, das die Leute stutzen lässt. Ich bin 30 Jahre alt, aber anscheinend sehe ich aus wie 20. 😀 Ich denke oft, dass ich mich erst mal beweisen muss, bevor mich Lieferanten ernstnehmen. Bei METRO hatte ich allerdings nie das Gefühl, dass ich aufgrund meines Alters anders behandelt werde.

Mit deinen 30 Jahren bist du wahrscheinlich die jüngste Weinexpertin bei METRO, oder?

Die jüngste Person, die je den vorhin erwähnten Titel „Master of Wine“ erhalten hat, war 30 Jahre alt – ich hoffe, dass ich es mit 35 schaffe! Aber unter meinen METRO Kollegen bin ich wahrscheinlich eine der Jüngsten, ja.

Was ist im Moment der heißeste Wein-Trend?

Generell soll Wein erschwinglich und „easy to drink“ sein. Also eher frisch und leicht, nicht schwer, aber komplex. Schaumweine werden momentan so viel verkauft wie nie – Klassiker wie Champagner und Prosecco, aber auch französischer Crémant. Alkoholfreier Wein ist ebenfalls ein Trend, den man für die Zukunft im Auge behalten sollte. Und der Klimawandel beeinflusst Weintrends sehr stark.

Inwiefern?

In den vergangenen zehn Jahren hat sich extrem viel geändert – kein Jahr ist ohne Umweltgefahren vergangen. Durch die Waldbrände im Westen der USA sind zuletzt 20 Prozent der Weinberge verbrannt. In Italien hat es 2023 aufgrund von Dürren, Stürmen und Überflutungen die kleinste Weinernte seit 50 Jahren gegeben. In der Provence haben 2021 übergroße Hagelkörner Großteile der Weinreben zerstört und in Burgund hat langanhaltender Frost zum Verlust großer Teile der Ernte geführt. Der Lebenszyklus von Weinreben ist sehr empfindlich und das Wetter unberechenbar. In der Zukunft werden noch viel mehr Schwierigkeiten und Probleme auf uns zukommen – in Frankreich wird es in 20 Jahren voraussichtlich zu heiß sein, um bestimmte Weinsorten anzubauen.

Und was dann? Wie ist die Branche darauf vorbereitet? Und welche Länder werden profitieren?

Die Weinbranche in kälteren Ländern wird definitiv vom Klimawandel profitieren. An der Ostküste der USA konnten aufgrund der Temperaturen zum Beispiel lange keine wirklich guten Weinreben angebaut werden, genauso in Großbritannien – jetzt werden dort Reben für Sekt und Wein angebaut. Das ist erst durch die höheren Temperaturen und fortgeschrittenen Technologien der vergangenen Jahre möglich geworden. In südlichen Ländern werden in Zukunft mehr hitzeresistente Weinsorten angebaut werden müssen. Viele Winzer im Norden haben bereits angefangen, Syrah anzubauen, eine Rotweinsorte, die ursprünglich aus dem Süden Frankreichs stammt. Die Hitzebeständigkeit ist von Sorte zu Sorte unterschiedlich. Winzer sind definitiv dabei, sich an den Klimawandel anzupassen.

Und welche Klischees würdest du gerne aus der Weinwelt verbannen?

Wein ist etwas sehr Persönliches und jeder hat einen anderen Geschmack. Das Wichtigste ist der Genuss! Man lernt außerdem nie aus, denn Wein entwickelt sich ständig weiter und es gibt immer etwas Neues zu entdecken. Und ein ausgefallener Name auf der Flasche bedeutet nicht, dass der Wein automatisch gut ist. 😉

Zum Abschluss: Was genau liebst du so an Wein?

Den Wert des Teilens! Zusammen Wein trinken und Essen teilen ist finde ich das Schönste, was es gibt.

Und was magst du sonst noch, abgesehen von Wein?

Ich mache gerne viel Sport, um fit zu bleiben – immerhin ist Wein leider kalorienreich. 😀 Es kommt immer auf die Balance an, finde ich. In meinem Job und für meine privaten Studien muss ich wöchentlich an Weinverkostungen teilnehmen, aber auch am Wochenende habe ich mein persönliches Weinritual: Ich wähle jeden Freitagabend zwei oder drei Flaschen Wein aus meinem Weinkeller für das Wochenende aus. Entweder kommen Freunde zu Besuch, oder ich genieße eine gute Flasche Wein zusammen mit meinem Mann.

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