Grenzen Bewegen

Transparenz bei der Produktfrische – mit Daten, Fakten und per App

Eigentlich ist es klar: Milch, Fleisch und Eier können meist viel länger verbraucht werden, als wir denken. Dennoch landen sie oftmals im Müll, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Sicher ist sicher, heißt es dann. Derzeit läuft eine Feldphase in 5 METRO-Großmärkten für eine App, die die Haltbarkeit von Lebensmitteln genauer berechnet: „FreshIndex“. Die könnte helfen, die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren.

FreshIndex sammelt nun diese Daten in der Cloud und wertet sie aus. Über mikrobiologische Modelle wird  das Wachstum von Keimen und Bakterien berechnet.

Schnell die Milch probiert, kurz am Fleisch gerochen oder das Gemüse genau unter die Lupe genommen – unsere Sinne können uns helfen zu beurteilen, ob Lebensmittel noch genießbar sind, oder nicht. Doch nicht jeder verlässt sich auf Geschmack, Geruch oder Anblick. Im Zweifel werden die Lebensmittel kurzerhand weggeworfen – gerade dann, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum schon verstrichen ist. Das Vertrauen in das MHD ist hoch. Und obwohl viele wissen, dass das Produkt nicht um Punkt Null Uhr am nächsten Tag schlecht ist, landen dennoch mehr als vier Millionen Tonnen Lebensmitteln jährlich allein in Deutschland im Müll. Fast die Hälfte ließe sich verhindern, so eine Erhebung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) aus dem Jahr 2017.

Derzeit läuft eine Feldphase in 5 METRO-Großmärkten für eine App, die die Haltbarkeit von Lebensmitteln genauer berechnet: „FreshIndex“. Während der Feldphase haben wir mit Matthias Brunner, Gründer von tsenso und Entwickler des Frischetools, ein Gespräch geführt:

Derzeit läuft eine Feldphase in 5 METRO-Großmärkten für eine App, die die Haltbarkeit von Lebensmitteln genauer berechnet: „FreshIndex“.  Die könnte helfen, die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren.

Matthias, wie genau funktioniert FreshIndex?

 FreshIndex nutzt eine Vielzahl von Datenquellen: Informationen des Herstellers zur Hygiene, Lagerbedingungen in der Logistik und im Markt. Die meisten müssen laut Gesetz ohnehin festgehalten werden. FreshIndex sammelt nun diese Daten in der Cloud und wertet sie aus. Über mikrobiologische Modelle wird das Wachstum von Keimen und Bakterien berechnet. Dadurch ergibt sich eine genauere Auskunft über die verbleibende Haltbarkeit, wir nennen es das sogenannte dynamische Haltbarkeitsdatum (DHD) in Echtzeit.

Und wie ermittelt der Kunde jetzt das DHD?

Er ist ja nicht auf dem Produkt gedruckt. Richtig. Es ist dynamisch und individuell. Wir kennen die Daten der Lieferkette in den Markt. Wie es ab da weitergeht, das weiß der Kunde am besten. Der Kunde scannt mit der App auf dem Smartphone den Barcode des Produkts. In der App gibt er dann an, bei welcher Temperatur er das Produkt während des Transports und im Kühlschrank lagern wird. Des Weiteren gibt er an wie lange der Transport bis zu seinem Kühlschrank dauert. Anhand dieser Angaben wird dann das DHD ermittelt, was oft über das herkömmliche Mindesthaltbarkeitsdatum hinausgeht. Eine Skala zeigt dem Kunden die aktuelle Frische und die Anzahl der verbleibenden Tage, bis das DHD erreicht wird. Und es zeigt auch das sogenannte dynamische Verzehrlimit (DVL). Ab diesem Datum sollte das Produkt nicht mehr gegessen werden. Wirklich nicht mehr. Als schönes Add on bei der APP sind die folgenden Informationen geplant: sie gibt zusätzlich Informationen zu den Nährwerten, zum C02-Fußabdruck und zur Lebensmittelsicherheit an.

Wie kamst du zu dieser Idee?

Ursprünglich hatte ich die Idee, Transportdienstleistungen für den innerstädtischen Verkehr zu entwickeln. Also Fahrer zu haben, die man buchen kann. Denn viele Pizzadienste fahren voll beladen einen Weg hin, zurück aber meistens leer. Das könnte man besser organisieren, so die Idee. Letztlich hat es mit dem Startup nicht geklappt. Was aber übrig blieb war die dafür entwickelte Kühlkettenlösung. Die konnte ich jetzt bei tsenso richtig ausbauen.

Womit du dich dann bei METRO beworben hast …

Ja, wir haben beim METRO Accelerator for Hospitality teilgenommen. Mit einer Temperaturüberwachungslösung, die per se gar nicht schlecht war. Sie war für Gastronomen gedacht, damit sie ihren Kühlschrank überwachen und sich das manuelle Aufschreiben der Temperaturen ersparen können. Schon während der Entwicklungsphase haben viele Wirte gesagt: ‚Wenn ich die Ware habe, passe ich schon auf. Ich habe sie ja schließlich bezahlt. Was mich interessiert, mit welcher Frische erwerbe ich eigentlich das Produkt?‘. Das war dann quasi die Geburtsstunde von FreshIndex.

Was ist euer Ziel mit FreshIndex?

Konkretes Ziel ist es, Lebensmittelverschwendung zu reduzieren. Und wir wollen Transparenz bei der Produktfrische schaffen – mit Daten und Fakten.

Ist FreshIndex eine Ergänzung zum MHD oder wird das MHD in Zukunft dann obsolet?

Das MHD ist das Datum, bis wann der Produzent die zu erwartenden Produkteigenschaften zusichert. Dabei handelt es sich um ein gesetzlich vorgeschriebenes Gewährleistungsdatum. Das hat erstmal mit der Frische wenig zu tun und daran ändert sich nichts. Das DHD hingegen macht die tatsächliche und aktuelle Frische des Produkts transparent. Am leichtesten Verstehen Kunden FreshIndex, wenn ich es als genaueres MHD beschreibe. Aber diese Argumentation geht in die falsche Richtung. Das MHD hat nichts mit der Frische zu tun.Denn selbst nach Ablauf des MHD heißt es noch lange nicht, dass das Produkt schlecht ist. Wir fahren ja auch unsere Autos nach Ablauf des Garantiezeitraums weiter.

Die Feldphase geht bald zu Ende. Was folgt dann?

Wir werden das Feedback, das wir während der Studie erhalten haben, auswerten und die Ergebnisse in die weitere Entwicklung einfließen lassen. Derzeit testen wir FreshIndex exemplarisch bei zwei Schweinefleisch-Produkten. In den nächsten Schritten wollen wir FreshIndex auch auf andere Produktkategorien wie Obst, Gemüse und Fisch erweitern.

 

Das Temperaturprofil der gesamten Lieferkette hilft dem Kunden dabei:

  • die Verarbeitung nach dem Kauf entsprechend zu planen
  • die Lagerung der Lebensmittel aktiv zu kontrollieren
  • Lebensmittelabfälle durch frühzeitige Verwendung der Produkte zu reduzieren

 

Matthias Brunner ist Managing Partner bei tsenso Deutschland. Nach 10 Jahren in Entwicklung, Vertrieb und Marketing von Automobilsensoren bei Robert Bosch gründete er tsenso. Ziel des Start- ups ist es, das Kühlkettenmanagement durch den Einsatz von IoT und Big Data Algorithmen zu verbessern. Seit der Teilnahme am METRO / Techstars Accelerator konzentriert er sich auf den Aufbau von FreshIndex. Traditionelle statische Verfallsdaten sollen ersetzt und das Vertrauen in sowie die Transparenz bei Lebensmittelsicherheit erhöht werden.

Matthias promovierte in statistischer Physik. Er ist Konzeptwissenschaftler mit zahlreichen Publikationen, für die er den Airbus-Group-Preis "Claude Dornier" für angewandte Forschung erhielt. Seine Leidenschaft ist es, Forschungsergebnisse in Produkte umzusetzen, um die weltweite Verschwendung von Lebensmitteln zu reduzieren. Er lebt mit seiner Familie in Stuttgart, Deutschland.


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