Menschen Bewegen

Von Lockdown zu Lockdown: Was das mit uns macht – und was wir tun können

Zwangsschließungen, Ungewissheit und völlig veränderte Lebensbedingungen: Wie lassen sich die Coronamaßnahmen bewältigen? Mit Blick auf Beruf und Betrieb, aber auch hinsichtlich geliebter Rituale, vom Kindergeburtstag bis zum Karneval. Dr. Günter Klug, Psychiater und Psychotherapeut, gibt Antworten.

Herr Doz. Dr. Klug, die aktuelle Situation belastet viele Menschen stark. Unter anderem, weil kein wirkliches Ende in Sicht ist. Neue Maßnahmen werden meist für kurze Zeit beschlossen. Wie kann man mit dieser Ungewissheit umgehen?

Als erstes klarmachen: Nicht alles ist unsicher! Den großen Berg also in kleine Haufen zerteilen. Menschen neigen dazu, zu sagen: Jetzt schwimmt mir alles davon. Aber auch in der jetzigen Gesamtsituation gibt es noch Bereiche, die sicher sind. Das kann die Beziehung sein, der Kontakt zu den Kindern, auch der Arbeitsplatz. Auf diese Bereiche besonders zu schauen, kann eine Stütze sein. Dann gibt es Bereiche, die unsicher sind, die ich aber allein gut hinbekomme. Und bei den anderen hilft es, das auszusprechen. Dafür kann man sich Gesprächspartner suchen, mit denen man bestimmte Themen gut besprechen kann. Es ist ja auch nicht so, dass nur ich als Einzelner das Problem habe. Solche Gespräche können also nicht nur mich entlasten, sondern auch mein Gegenüber, und wir können so ein Stück gemeinsame Sicherheit schaffen – allein dadurch, dass wir uns bestärken, auch wenn wir die Situation vielleicht nicht verändern können. Sicherheit also im gemeinsamen Denken aufbauen.

Die Pandemie bringt harte Eingriffe in unser Leben mit sich. Wie lässt sich dieser Art von Fremdbestimmtheit begegnen, beispielsweise als Betroffener einer Zwangsschließung?

Ja, diese Fremdbestimmtheit erzürnt durchaus auch. Und es gibt viele Zwänge im Moment. Nehmen Sie den umgekehrten Fall, nämlich dass gearbeitet werden muss, trotz Krankheit oder ohne Urlaub – Pflegepersonal zum Beispiel. Oder Alleinerziehende, die Homeoffice und Homeschooling parallel betreiben sollen. Da ist ein immenser Druck. Wichtig ist dabei, dass Menschen ihre Selbstbestimmung zelebrieren, und seien es noch so kleine Dinge. Auch wenn mein Laden zugesperrt wird oder wenn ich wie verrückt arbeiten muss, bleibt einiges, das ich entscheiden kann. Darauf sollte der Fokus liegen: Ich steuere trotzdem einen großen Teil meines Lebens selbst.

Was lässt sich denn aus dem Zorn machen, den Sie ansprachen?

Die Frage ist ja: Wo investiere ich meine Energie? Gerade bei den Geschäftsleuten, die natürlich auch Existenzängste haben, ist das essenziell. Sie können ihre Energie in die Wut über das ewige Schließen und Wiedereröffnen investieren. Sinnvoller ist es aber wahrscheinlich, die Energie und Aggression, die da entsteht, nicht im Kampf zu verwenden, sondern – wenn es geht – in Kreativität umzusetzen. Also zu überlegen: Was geht trotzdem? Ich glaube, dass die Kreativen durch diese Selbstbestimmtheit und dadurch, dass sie etwas finden, womit sie zumindest einen Teil der Problematik bearbeiten können, besser durch diese Zeit kommen.

Stichwort Homeoffice und Homeschooling – oder auch die Situation der Selbstständigen, die im Betrieb immer neue Anforderungen erfüllen müssen. Was mache ich, wenn ich denke: „Es wird alles zu viel – ich breche zusammen“?

Zusammenbrechen hat ja mehrere Varianten. Wenn es ins Depressive, Ängstliche geht, dann sollte man am ehesten etwas für sich tun. Das hängt stark von der Person ab, ob derjenige dann in die Badewanne oder im Wald spazieren geht oder Musik hört. Wenn ich aber merke, ich explodiere gleich, dann sollte ich in Bewegung gehen, um die Aggression abzubauen. Da ist es gegebenenfalls ratsam, das alleine zu tun. Wenn ich mich hilflos fühle, ist es hingegen wahrscheinlich besser, ich gehe mit einer Person spazieren, der ich vertraue und mit der ich reden kann. Also sehr situationsabhängig. Bei Menschen, die völlig allein im Lockdown leben, ist es wichtig, dass sie ihre telefonischen Kontakte erhalten. Für diese Kontakte sollten sie fixe Tageszeiten ausmachen. Vorteil: Man freut sich schon 1 bis 2 Stunden vorher darauf und die Stimmung hebt sich. Und man kann sich darauf verlassen. Idealerweise hat man außerdem Menschen zum akuten Kontaktieren, wenn man denkt: „Ich halt’s nicht mehr aus.“ Und es gibt zum Beispiel unter www.erstehilfefuerdieseele.at auch einen Blog mit Tipps, um besser durch diese Zeit zu kommen. Auch so etwas kann helfen.
Pandemiebedingt fallen jetzt viele geliebte Bräuche weg: Vom Kindergeburtstag bis zur Hochzeitsfeier läuft alles anders ab oder wird komplett abgesagt. Haben Sie einen Rat, damit umzugehen?

Kinder und Jugendliche sind ein ganz eigenes Thema. Sie sind sehr stark betroffen im Moment – Kinder eher dadurch, dass die Eltern überlastet sind, Jugendliche unter anderem durch die Folgen für das Schulsystem. Wenn es um Festivitäten geht, funktioniert es am besten, zu sagen: Wir machen jetzt ein lustiges, kreatives Fest in der Familie und holen die große Feier mit den Freunden nach. Ganz bedrückend sind Begräbnisse, denn da lässt sich nichts nachholen. Da gilt es, das sehr persönlich zu gestalten und der Veranstaltung eine gewisse Tiefe zu geben.

Ich glaube, dass die Kreativen besser durch diese Zeit kommen.

Dr. Günter Klug
Auch viele gesellschaftliche Bräuche sind kaum möglich, sei es Silvester oder Karneval. Welche Strategien können Sie hier empfehlen, um nicht zu verzweifeln?

Nun, solche Bräuche sind ja meistens sehr alt, und in der Zeit, aus der sie kommen, gab es diese großen Veranstaltungen oft gar nicht. Man könnte also auf den Ursprung zurückgehen. Das kann spannend sein, weil ein Brauch so vielleicht eine ganz andere Bedeutung oder Art bekommt. Einen großen Anteil haben auch die Rituale, die wir mit solchen Festtagen verbinden. Indem man bestimmte Rituale mit seinen Freunden oder Verwandten aufrechterhält, kann man sich über viele Unsicherheiten hinweghelfen. Ich kenne Jugendliche, die haben „zusammen“ gefeiert, jeder vor seinem Bildschirm – und die hatten eine ziemliche Gaudi… Es hängt aber auch mit der Lebenserfahrung zusammen. In einem gewissen Alter, wenn ich etwas schon oft erlebt habe, kann ich einmal Ausfallenlassen gut aushalten. Dafür freue ich mich umso mehr auf das nächste Mal. Das ist beim Urlaub genauso wie beim Karneval. Bei einem 18-Jährigen fängt ja das Erleben gerade erst an – da ist das natürlich schwerer.

Also wenn der Lockdown irgendwann ein Ende hat, wird wahrscheinlich die große Party losgehen.

Das wird tatsächlich spannend, denn es wird auch Menschen geben, die sich bis dahin völlig zurückgezogen haben. Auf die müssen wir ganz besonders aufpassen. Dann ist es die Aufgabe der Freunde, der Angehörigen und auch der Unterstützungssysteme, diesen Menschen eine gewisse Starthilfe zu geben.

Das heißt, wenn ich von jemandem aus dem Bekanntenkreis auffallend wenig höre, lieber einmal mehr nachfragen?

Genau. Einladen und sagen, komm, lass uns gemeinsam losgehen, hilft bei ganz vielen Menschen. Bei denen, die sich dann schon zu weit zurückgezogen haben, wird eventuell professionelle Hilfe nötig. Das ist übrigens nicht nur eine Zukunftsperspektive, sondern hat schon begonnen und nimmt weiter zu. Es ist relativ gut untersucht, dass in Krisen die psychische Problematik nicht während der Krise so extrem ansteigt, sondern meist erst danach. Dann, wenn das „normale Leben“ wiederbeginnt. Ich glaube, da wird es nochmal einen starken Bedarf an Unterstützung geben.

Merke ich das selbst, wenn ich professionelle Hilfe brauche?

Manche Menschen wissen es. Es gibt Menschen, denen ist es nicht klar, und es gibt Menschen, die schämen sich. Wenn man so etwas als Vertrauensperson anspricht und merkt, das geht über die eigenen Möglichkeiten der Gesprächsintervention hinaus, dann sollte man darüber sprechen, wo es professionelle Möglichkeiten gibt. Das erleichtert den Schritt oftmals, wenn eine Vertrauensperson das vorschlägt oder auch mitkommt. Viele Menschen werden das brauchen. Man kann nichts falsch machen, wenn man sagt: Ich mache mir Sorgen um dich.

Ihr genereller Rat gegen den „Corona-Blues“?

Aktiv in Kontakt treten, sei es telefonisch oder virtuell. Wenn es zu eng wird, Zeit für sich nehmen. Sich das auch zuzugestehen – dass ich jetzt die Familie 2 Stunden Familie sein lasse und mich rausnehme. Wenn ich zu viel arbeite, sollte ich mir klare Grenzen stecken: Heute mache ich ab 16 Uhr nichts mehr, sondern schaue Fernsehkrimis oder was auch immer mir guttut. Und: Mit Menschen zu reden, die man mag, ist immer hilfreich.

Über … PDoz. Dr. Günter Klug

Doz. Dr. Günter Klug ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie sowie seit 1997 eingetragener Psychotherapeut. Klug arbeitet seit 30 Jahren in der psychosozialen Versorgung von Menschen. Er ist Präsident von pro mente Austria, dem Österreichischen Dachverband der Vereine und Gesellschaften für psychische und soziale Gesundheit, Obmann der Psychosozialen Dienste Steiermark sowie medizinischer Geschäftsführer der Gesellschaft zur Förderung seelischer Gesundheit GmbH.

© Bildrechte: Günter Klug


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