Können wir mit unserer Ernährung das Klima beeinflussen?

Von der spanischen Sonne gereifte Tomaten können eine bessere CO2 Bilanz vorweisen als deutsche Tomaten die in einem Treibhaus wachsen. Boris Demrovski und Christian Noll, Initiatioren, Herausgeber und Autoren des Klimakochbuchs erklären, warum wir den Einfluss den unsere Ernährung auf das Klima hat, oft unterschätzen.

Herr Noll, Herr Demrovski, Ernährung ist ein Dauerthema in den Medien. Warum setzen wir uns mit den Folgen, die unsere Ernährung auf den Klimawandel hat, dagegen gar nicht oder kaum auseinander?

Noll: Ernährung und Klimawandel sind im gedanklichen Zusammenspiel abstrakter als etwa der Zusammenhang zwischen Verkehr und Klima. Dort ist dieser viel offensichtlicher, ich sehe ja sogar die Abgase aus dem Auspuff. Im Lebensmittelbereich hingegen gibt es nicht den einen Schornstein, der CO2 in die Luft bläst. Es gibt ganz viele Stellen entlang der Lieferkette, an denen die Emissionen entstehen. Angefangen bei der Düngemittelproduktion, die extrem energieaufwändig ist. Auf dem Acker und auf der Viehweide entstehen Emissionen. Beim Transport, bei der Kühlung, bei der Zubereitung bis hin zur Entsorgung. Das ist viel komplexer. Selbst wenn es das Bewusstsein schon gibt, ist es für den Verbraucher unübersichtlich. Wo kann man ansetzen? Welche Gewohnheiten müsste man ändern?

Demrovski: Richtig. Essen ist im positiven wie im negativen Sinn ein Leidenschaftsthema. Das macht es so schwierig, Veränderungen konkret anzustoßen. Ich esse zum Beispiel 3 Mal am Tag. Das bedeutet, ich müsste mich 3 Mal damit beschäftigen und darauf achten, dass ich etwas für eine gute Klimabilanz tue. In einem eh schon vollen Alltag führt das zu einer weiteren Komplexität, die jeder von uns bewältigen müsste. Eine Herkulesaufgabe.

 

Aber ist es nicht das, was Sie mit dem Kochbuch herausfordern, sich dieser Herkulesaufgabe zu stellen?

Demrovski: Nicht zwangsläufig. Essen hat eine Leichtigkeit, die meisten Menschen verbinden positive Gefühle und Erlebnisse damit. Diese darf das Thema Klimaschutz nicht durch Gebote und Verbote ins Negative verkehren. Essen darf keine Religion sein.

Noll: Es ist auch kein veganes Kochbuch. Wir sagen nicht, das ist erlaubt, das ist verboten. Fleischrezepte sind auch dort zu finden. Was wir damit tun: die komplexen Zusammenhänge zu vereinfachen und direkt in Rezepte zu übersetzen. Wir machen es durch die Zusammenstellung verschiedener Rezepte einfach.

Demrovski: Das, was unser Buch so besonders macht, ist, dass es zwischen Kochbuch und Sachbuch hin- und herwechselt. Das gab es so noch nicht. Wir bieten informative Artikel, leicht verdaulich, und gleichzeitig tolle Rezepte. Damit konnten wir eine breite Gruppe an Interessierten abholen.

 

Was gab den Anstoß, das erste Klima-Kochbuch herauszubringen?

Demvorski: Eine Veranstaltung, zum Thema nachhaltige Ernährung und Kochen. Hier wurde nur das Thema "Bio" auf die Speisekarte gesetzt und damit war es abgeschlossen. Das ging uns nicht weit genug und ist auch nicht der richtige Ansatz. Bio ist ein wichtiger Teil, aber es dreht sich nicht alles nur darum.

 

Welche Klimafakten waren auch für Sie neu und überraschend?

Demrovski: Das Thema Regionalität und die Frage: Ist regional immer besser? Regionalität sollte immer im Zusammenhang mit Saisonalität betrachtet werden. So kann ein Apfel aus Neuseeland eine bessere CO2-Bilanz vorweisen, als ein Apfel, den ich außerhalb der Saison esse, weil er im Kühlhaus im Umland gelagert wurde. Auch spielt der LKW-Transport eine geringere Rolle als die Beheizung im Gewächshaus.

Noll: Was auch oft in Vergessenheit gerät ist der Weg zum Supermarkt und zurück. Der kann extrem emissionsintensiv sein und bis zu 50% der Emissionen der Ernährung insgesamt ausmachen. Wenn ich Bioprodukte kaufe, mich vegetarisch ernähre und dann mit einem SUV einkaufen fahre, hat Letztes einen höheren Einfluss auf die Klimabilanz als andere Faktoren.

 

Ihr einfacher Tipp, um eine klimafreundliche Ernährung in den Alltag zu integrieren?

Noll: Bereits, wenn sich jemand an die klassischen Ernährungspyramiden hält - die ja sowieso schon sagen, viel Hülsenfrüchte, viel Gemüse als Basis, nicht viel Fleisch uns so weiter - macht bereits einen Riesenschritt.

Demrovski: Richtig, ob man dann noch zusätzlich Veganer oder Vegetarier ist, das sind dann noch die extra Meilen, die man laufen kann, aber alleine eine sinnvolle gesunde Ernährung ist gleichzeitig schon ein großer Beitrag zum Klimaschutz.

 


 

Buchtipp: „Das Klimakochbuch. Klimafreundlich einkaufen, kochen und genießen“, Kosmos Verlag Auflage: 2 (5. November 2015)

Boris Demrovski

war damals Pressesprecher bei der Jugendabteilung des BUND e.V. und leitet heute bei der gemeinnützigen Beratungsgesellschaft CO2 Online den Bereich der Kampagnen (Verbraucherkampagnen zum Thema Klimaschutz)

Christian Noll

arbeitete bei der ersten Buchauflage beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND e.V.) Er ist Gründungsmitglied und Geschäftsführender Vorstand der DENEFF, der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz.