Waren Bewegen

Bequeme neue Welt?

Lieferdienste boomen – seit Corona für praktisch alles, vom vorgekochten Lieblingsmenü bis zum Wocheneinkauf. Sieht so die Zukunft aus? Verändert die Pandemie unser Konsumverhalten, sodass wir am Ende – pardon – das Gesäß nicht mehr hochbekommen? Kolumnistin Maria ist nachdenklich.

Sich etwas liefern lassen, allein der Ausdruck hat schon was Bequemes: etwas machen „lassen“. Und klar, während des Lockdowns geht es oft gar nicht anders. Beispiel: Ich bin in der Mittagspause allen Ernstes zum Schuster marschiert (schütteln Sie ruhig den Kopf, habe ich auch getan, als ich vor der verrammelten Tür stand), weil ich nicht auf dem Schirm hatte, dass natürlich auch Schuhmacher vom Lockdown betroffen sind. Antwort aus dem Familienkreis auf mein bestürztes Sinnieren, was ich denn nun mit meinen abgelaufenen Absätzen anfangen soll: Online neue Stiefel bestellen. Liefern als logische – manchmal einzig mögliche – Konsequenz also.

Ähnlich sieht es bei den Restaurants aus. Dominierten vorher Pizza und Sushi die Bringdienste, steht plötzlich Hausmannskost hoch im Kurs. Mit „Gans-to-Go“, Rouladen zum Selbstabholen oder Königsberger Klopsen per Kurier holen wir uns zumindest ein Stück geliebter Gastronomie nach Hause. So lange, bis – davon bin ich überzeugt – wir sie wieder besuchen dürfen, die „dritten Orte“, die unser Leben bereichern. Hat es nicht, buchstäblich sowie im übertragenen Sinne, ein anderes Geschmäckle bekommen, Essen zu bestellen? Eine neue Dimension in jedem Fall: 151,4 Mio. Bestellungen verzeichnete beispielsweise Just Eat Takeaway, Betreiber von Lieferando und Takeaway.com, im dritten Quartal 2020 weltweit; 46% mehr als im Vorjahr. Wichtiger noch, viele selbstständige Gastronomen entdeckten die Chancen eigener Abhol- und Lieferservices für sich und ihre Kunden – die Küche bleibt warm! Fühlte es sich vor Corona leicht verlottert an, mehrmals in der Woche Essen zu bestellen, gehört es jetzt quasi zum guten Ton. Stichwort: #supportyourlocal!
Geschmackssache

E-Food: E-vergreen oder E-intagsfliege?

Aber es gibt ja noch mehr. Die Branche für Online-Lebensmittel-Bestellungen hat sogar einen klangvollen Namen: E-Food-Markt. Mit Verlaub, E-Food, das erinnert mich an E-Zigaretten oder E-Autos, aber nicht gerade an kulinarische Köstlichkeiten. Doch während in den Innenstädten das Tumbleweed durch die Gassen weht, herrscht auf dem Markt für – okay, ich sage es – E-Food reges Treiben. Amazon bietet „Fresh“ für Prime-Kunden seit kurzem kostenlos an. Transporter mit den Aufschriften von Rewe-Lieferdienst und Picnic sind, zumindest in Ballungszentren, keine Seltenheit mehr, der tschechische Anbieter Rohlik gesellt sich demnächst hinzu. Das Start-up Gorillas, das verspricht, Lebensmittel innerhalb von 10 Minuten auszuliefern (Motto: „Faster than you“), sammelte in einer Finanzierungsrunde 36 Mio. Euro. Und Dr. Oetker akquirierte jüngst Flaschenpost.de, dessen Umsätze sich schon in den beiden Vorjahren jeweils verdreifachten. Einiges los also am – einmal noch – E-Food-Markt.

Glaubt man EY-Parthenon, wird das so bleiben. In einer im Oktober 2020 veröffentlichten Untersuchung sieht die Unternehmensberatung den Siegeszug des Online-Lebensmittelhandels dank Covid-19 vorher: „Wir verzeichnen Zuwachsraten von knapp 40 Prozent, sowohl im Bestellvolumen als auch im Anteil der Konsumenten, die Online-Lebensmittel bestellen (6% vor Covid-19, 9% und steigend seit Covid-19) – eine Entwicklung in wenigen Wochen, die vorher Jahre gedauert hat“, heißt es da. Wachstumspotenzial für die kommenden 5 Jahre: 2,5 Mrd. Euro.

Die Pandemie als Katalysator. So konstatiert auch der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel mit Blick auf das generelle E-Commerce-Wachstum der vergangenen 5 Jahre: „Wer dem ‚Boom‘ des E-Commerce misstraut und auf eine Rückkehr zur ‚Normalität‘ hofft, wird enttäuscht. Das Wachstum ist nicht nur nachhaltig, es begann vor Corona und setzt sich fort, es ist unumkehrbar (…). Der Kunde hat längst entschieden.“ Hm. Ist das stationäre Einkaufen, auch von Nahrungsmitteln, demnach das Warenhaus des 21. Jahrhunderts? Noch existent, aber irgendwie angestaubt?

MPULSE Kolumne: Eine Frage des Geschmacks

Unsere Kolumnistin Maria stammt aus einem nicht sehr großen Ort, lebt aber schon seit einer Weile in der Großstadt – zwischen Gemüsehändlern, Trinkhallen und internationalen Restaurants. Sie liebt kulinarische und kulturelle Vielfalt, probiert gerne Neues, mag aber auch ein Stückchen Tradition. Sie findet: Unabhängige Unternehmer machen Heimat zu dem, was sie ist. Auf MPULSE schreibt sie über ihre Beobachtungen und Gedanken und fragt auch mal Branchen-Experten nach den ihren. In Maria steckt ein bisschen von jedem von uns.

Bedürfnis versus Erlebnis

Ich habe da, jedenfalls was Kulinarik angeht, meine Zweifel. Und damit bin ich nicht allein. „Das wird eine Nische bleiben“, glaubt etwa Wirtschaftswissenschaftler Gerrit Heinemann speziell zum Thema Lebensmittel-Lieferdienste.

Was sicher zutrifft: Bequemlichkeit, an die wir uns einmal gewöhnt haben, legen wir schwer wieder ab. Siehe Mobilität, Reisen, Verpackungen und andere „Sünden“ unseres modernen Lebens. Manches, was wir uns während der jetzigen Krise (notgedrungen) angeeignet haben, wird daher mutmaßlich bleiben; für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wäre etwa mobiles Arbeiten nicht das Schlechteste. (Homeschooling und Quarantäne dürfen aber gerne wieder seltener werden – danke!)

Einkaufen mit allen Sinnen jedoch, seien es Lebensmittel, Schuhe oder Kleidung, bleibt meiner Meinung nach zumindest in bestimmten Teilen auch perspektivisch dem analogen Leben vorbehalten. Die Kunst besteht nun darin, die Potenziale digitaler Angebote mit dem klassischen Geschäft so zu vereinen, dass sich neue Chancen ergeben. Beispiel dazu: Die Auffindbarkeit von Gastronomen im Web. Wissen Sie, was im Zeitraum 1. März bis 27. Oktober 2020 die häufigste Suchanfrage zum Thema Essen und Küchenarten auf Google Maps in Deutschland war? Frühstück. Frühstück! Eine Mahlzeit, die uns „Geselligkeit“ und „Cafébesuch“ geradezu entgegenschreit.

Deshalb glaube ich, dass wir zu manchen alten Gewohnheiten auch ganz schnell wieder zurückkehren. Ich vermisse die Gemüsehändlerin, die mir noch einen Zubereitungstipp mit auf den Weg gibt; die Buchhändlerin, die mir den Schmöker empfiehlt, der so gar nicht zum Amazon-Algorithmus passt; den Gastronomen, dessen Wochengericht ich sonst wahrscheinlich nie probiert hätte; und den Plausch mit dem Schuster, zu dem ich meine Absätze bringen werde (egal, wie lange es noch dauert – ich werde kommen!). Sie alle möchte ich im echten Leben treffen. Und ich glaube, da geht es nicht nur mir so.


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