Waren Bewegen

Die Weiblichkeit des Weins

Wein kann sinnlich schmecken, weiche Tannine haben, eine kräftige oder sanfte Struktur. Doch es dauerte satte 800 Jahre, bis die ersten Frauen in die Jurade von Saint-Emilion – eine der ältesten und einflussreichsten Bordeaux-Bruderschaften – aufgenommen wurden. Heute scheinen Winzerinnen selbstverständlich. Das verdanken wir einer Reihe an Önologinnen.

Eine davon ist Teresa Severini. Sie war eine der ersten Önologinnen Italiens, als sie in das Unternehmen ihres Vaters, Giorgio Lungarotti, einstieg. Önologie, auch Kellerwirtschaft genannt, bezeichnet die Lehre vom Ausbau und Keltern des Weins. „Ja, mein Weg war zu der damaligen Zeit ungewöhnlich“, erinnert sich Teresa Severini. „Aber es war tatsächlich meine freie Entscheidung. Ich war einfach fasziniert von der Welt des Weins, die in den 1980er Jahren noch weit davon entfernt war, was sie heute ist.“ Die Mitarbeiter im Weinkeller der Cantina Lungarotti waren es nicht gewohnt, mit einer jungen Frau auf Augenhöhe zu sprechen oder gar Anweisungen von ihr zu befolgen. „Ihre Anerkennung habe ich mir dadurch verdient, dass wir Seite an Seite gearbeitet und einige der Innovationen umsetzt haben, die ich im Studium gelernt hatte.“

Foto: Lungarotti Weingut

Foto von links nach rechts: Chiara Lungarotti, Maria Grazia Marchetti Lungarotti und Teresa Severini

Die New York Times schrieb über den Weg, den sie italienischen Frauen in der Weinindustrie gebahnt hatte. Danach stand CNN unangekündigt vor ihrer Tür und wollte über ihre ungewöhnliche Karriere reden. Chiara Lungarotti, Teresas Halbschwester wurde 1999 – nach dem Tod des Patriarchen – CEO der Cantina Lungarotti. Als sie in den Vorstand der beiden größten Weinverbände Italiens gewählt wurde, war sie nicht nur deren jüngstes Mitglied, sondern auch das einzige weibliche. Erst 10 Jahre später traten weitere Frauen bei. Obwohl Studien des Smell and Taste Research Centers der University of Pensylvania und des Social Issues Research Centers der University of Cardiff in Wales belegen, dass Frauen die besseren Anlagen für sensorische Fähigkeiten haben, war Wein über Jahrtausende eine Männerdomäne. Im alten Rom durften Frauen Wein nicht mal ausschenken. Wurde eine Frau beim Trinken erwischt, drohte ihr der Tod. Erst im Jahr 2000 nahm die Jurade von Saint-Emilion die ersten beiden Frauen auf.
 

Das einzige Mädchen in der Winzerausbildung

Heute gibt es einige Frauen im Wein-Geschäft. Maison M. Chapoutier betreibt beispielsweise biodynamischen Weinbau in der Provence. Michel Chapoutier machte das über 200 Jahre in seiner Familie befindliche Weingut zu einem der größten Weinimperien Frankreichs mit Weinbergen in Frankreich, Spanien, Portugal und Australien; Als Group Commercial Director führt seine Tochter Mathilde das 90 Personen starke Commercial- und Oenotourismus-Team. seine Tochter Mathilde verantwortet den internationalen Vertrieb. Ob sie je etwas anderes machen wollte als Wein? „Ich war französische Meisterin im Gewehr-Schießen und stand in den Startlöchern für eine Sportkarriere“, antwortet die 29-Jährige. „Aber am Ende des Tages zog ich es doch vor, zu trinken – das ist auch netter als schießen“, ergänzt sie lachend.

Foto: Mathilde Chapoutier
Foto: Metzger Weingut

Jungwinzerin Lea Metzger, Junior-Chefin des Weinguts Metzger im pfälzischen Asselheim, wusste schon mit 15 Jahren, dass sie Winzerin werden wollte. In der Ausbildung war sie das einzige Mädchen, im Önologie-Studium waren es schon mehr. „Vielleicht wird man als junge Frau in dem Business noch etwas anders wahrgenommen als ein Mann“, sagt sie. „Aber die Akzeptanz ist mittlerweile deutlich höher als noch vor einigen Jahren.“ Die 27-Jährige arbeitet Seite an Seite mit ihrem Vater.

Hat es Vorteile, eine Frau in der Weinindustrie zu sein? Das kann keine der vorgestellten Winzerinnen klar bestätigen. Chiara Lungarotti sagt: „Es ist keine Frage des Geschlechts, sondern einer bodenständigeren Sensibilität und einer ganzheitlichen Sicht auf die Dinge – man muss gleichzeitig Details große Aufmerksamkeit schenken können, die Arbeit organisieren und der Umwelt und ihrem Schutz größte Bedeutung beimessen. Ich würde es sogar wagen, die Weine, die wir machen, als unsere ‚Kinder‘ zu bezeichnen.“

Weintourismus als Wirtschaftszweig

Seit 8.000 Jahren stellen Menschen Wein her. Er ist eng mit Kultur, Religion, Familie verbunden. „Unsere Mutter Maria Grazia war diejenige, die unseren Vater zu einer Vision geleitet hat, die der damaligen Zeit weit voraus war: Wein und alles damit Verbundene als Ausdruck unserer Zivilisation zu sehen, die Teil unseres kulturellen Erbes ist.“ Maria Grazia Marchetti Lungarotti war es, die – auf Basis einer Idee ihres Mannes Giorgio – 1974 das Weinmuseum in Torgiano gründete – eines der angesehensten und wichtigsten weltweit. Ebenfalls ihr zu verdanken ist die Gründung des Oliven- und Öl-Museums im Jahre 2000.

Foto: Wein Museum

Dass Wein seit einigen Jahren eng mit Tourismus verknüpft und daraus gar ein eigener, kleiner Wirtschaftszweig entstanden ist, ist der Bereitschaft von Winzern und Winzerinnen zu verdanken, ihre Arbeit und die damit verbundenen Traditionen und Innovationen mit der Welt zu teilen. Die Familie Lungarotti war auch hier einer der Vorreiter in Italien. Mittlerweile kümmert sich eine ganze Abteilung im Unternehmen um die Koordination und Durchführung von Verkostungen und Hands-on-Programmen in den Weinbergen und Museen.

Bei Maison M. Chapoutier verantwortet Mathilde Chapoutier den Tourismus-Zweig. „Wein ist, ein Essen zu teilen, im Moment zu leben, eine Region zu entdecken. Alles hängt zusammen. Die Entwicklung des Weintourismus erlaubt es uns, die Hintergründe, das Innere, das Herz der Weinindustrie zu zeigen“, sagt sie. Über Vorteile als Frau im Wein-Business spricht Mathilde Chapoutier grundsätzlich nicht. Sie findet, dass heutzutage das Geschlecht keine Rolle spielt, wenn du dich für diesen Beruf entscheidest. Sie und ihr Vater teilen, was Wein angeht, die gleiche Philosophie: „Das Terroir für sich selbst sprechen lassen.“ Für sie ist Wein „für den Genuss gemacht“.

Gut zu wissen!

Die Witwe Barbe-Nicole Cliquot (1777-1866) erbte mit nur 27 Jahren das Weingut nach dem Tod ihres Mannes. Weil sie den Hefe-Satz am Boden der Champagner-Flaschen nicht mochte, entwickelte sie die heute als „Rütteln“ bekannte Technik, bei der die Flaschen während der Gärung regelmäßig von Hand gedreht werden. So setzt sich die Hefe im Flaschenhals ab und kann nach abgeschlossener Reifung leicht entfernt werden.

Familie Zuccardi: Wein mit vielen Facetten

Die Familie Zuccardi betreibt in Argentinien vielfältigen und preisgekrönten Weinanbau. Zum Unternehmen gehören mehrere Weingüter, darunter die „Bodega Santa Julia“, die von Julia Zuccardi geführt wird. „Weine sind zum Genießen gemacht“, sagt sie. Neben einem besonderen Fokus auf Umweltschutz setzt sich Zuccardi mit ihrem Betrieb für faire Arbeitsbedingungen und Gleichberechtigung ein und wurde dafür als „Fair for Life“ zertifiziert. Zum Familienunternehmen gehören außerdem die Weine von „El Bar Argentino“, die den Traditionen der Vergangenheit eine zeitgenössische Wendung geben. 2020 wurde Zuccardi wurde von der International Wine Challenge zum 2. Mal zum besten Weingut der Welt sowie zum besten Weingut Südamerikas gewählt. Gemeinsam mit METRO kreierte die Zuccardi Familie - Inhaber des Santa Julia Weinguts - zudem eine einzigartige Mischung für den Wein des Jahres 2020.


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