Grenzen Bewegen

„Der Planet befindet sich in einer Krise“

Entwaldung, das heißt Abholzung zu Gunsten von Landnutzung, ist ein komplexes Thema. Klar ist: Ein Unternehmen allein kann es nicht lösen. Rebecca Marmot, Chief Sustainability Officer bei Unilever, und Veronika Pountcheva, Global Corporate Responsibility Director METRO AG, sprechen im Doppel-Interview über die Verantwortung und den Handlungsspielraum von Unternehmen – und was jeder Einzelne tun kann.

Veronika, Rebecca, wo steht die Welt heute beim Thema Abholzung?

Veronika
: Es ist ein sehr wichtiges Thema, denn die Entwaldung hat große Auswirkungen auf die Menschen und die Tierwelt, die in den abgeholzten Gebieten leben. Und sie ist eine treibende Kraft für den Klimawandel, den wir alle gerade weltweit erleben. Die Covid-19-Krise hat jetzt nochmals verdeutlicht, wie wichtig der Kampf gegen dieses Problem ist, gerade in Hochrisikogebieten wie Südamerika oder Südostasien.
Rebecca: Der Planet befindet sich in einer Krise, und wir müssen dringend wirksame Maßnahmen ergreifen, um ihn wieder gesunden zu lassen. Als Unternehmen und durch unsere Unilever-Marken haben wir die Verantwortung, unseren Teil dazu beizutragen. Wir nehmen das sehr ernst und wollen unsere Kaufkraft nutzen, um den Wandel voranzutreiben – durch Partnerschaften, Interessenvertretung und engagierte Arbeit vor Ort.

Warum steht das Thema auf der Agenda von METRO und Unilever?


Veronika
: Wir haben mit Entwaldung zu tun, weil wir Produkte mit möglichen Inhaltsstoffen kaufen und verkaufen, die diese verursacht haben könnten – zum Beispiel Produkte, die Palmöl oder Soja enthalten oder Papier von gefällten Bäumen. Deshalb streben wir Transparenz über Inhaltsstoffe und deren Herkunft an, wie beispielsweise bis Ende 2020 nur noch nachhaltiges Palmöl zu verkaufen.
Rebecca: Als ein bedeutender Abnehmer von Palmöl sowie anderer Rohstoffe, die mit Abholzungsrisiken verbunden sind, haben wir die Verantwortung, Maßnahmen zu ergreifen. Unser Ziel ist eine Lieferkette ohne Abholzung bis 2023. Um das zu erreichen, fokussiert Unilever drei Kernbereiche: Rückverfolgbarkeit und Transparenz durch digitale Technologien wie Satellitenüberwachung, zweitens die beschleunigte Einbeziehung von Kleinbauern, zum Beispiel mit agrarwissenschaftlichen Schulungsprogrammen, und drittens unser veränderter Ansatz bei der Beschaffung von Derivaten.

Wie kommt es überhaupt zur Entwaldung?

Rebecca
: Der Waldverlust wird durch die anhaltende Ausdehnung der landwirtschaftlichen Nutzflächen und die Zunahme von Waldbränden und tropischen Stürmen verursacht, die infolge des Klimawandels häufiger und heftiger auftreten. Für unser Geschäft sind die relevanten Rohstoffe, die mit dem Risiko der Entwaldung verbunden sind, Palmöl, Soja sowie Papier und Karton.
Veronika: Zusätzlich zu den von Rebecca genannten ist bei uns auch Fleisch ein weiterer relevanter Treiber. In einigen Gegenden werden Wälder gerodet, um Platz für die Aufzucht von Rindern für die Fleischproduktion zu schaffen, oder für die Produktion von Soja als Tierfutter – zum Beispiel für die Geflügel- und Schweinefleischproduktion. Deshalb arbeiten wir derzeit an einer konkreten ‚Meat Policy‘, einer Nachhaltigkeitsleitlinie für die Fleischbeschaffung.

Foto: Veronika Pountcheva

Das von euch beiden erwähnte Palmöl ist häufig Gegenstand kontroverser Diskussionen. Was sagt ihr dazu?

Veronika:
Palmöl ist ein sehr wertvoller Inhaltsstoff – wenn es nachhaltig gewonnen wird und keine Abholzung verursacht. Man kann nicht sagen ‚Palmöl ist schlecht und andere Öle sind gut‘, so einfach ist es nicht. Wir müssen in der gesamten Lieferkette zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass wir das richtige Land nutzen und dass alle beteiligten Bauern gut bezahlt werden, um Entwaldung zu verhindern. Aus diesem Grund konzentrieren wir uns darauf, nachhaltig produziertes Palmöl zu verwenden, anstatt es in unseren Produkten zu verbieten. Wir sind dafür verantwortlich, diese Industrie umzuwandeln.
Rebecca:
Palmöl ist eines der flächeneffizientesten Pflanzenöle, die uns zur Verfügung stehen. Um die gleiche Menge Öl aus Sojabohnen zu gewinnen, bräuchte man im Vergleich zu Ölpalmen siebenmal mehr Ackerland. Zudem erfordert die Produktion von Palmöl weniger Energie, weniger Düngemittel und Pestizide. Die Herausforderungen liegen in der Herkunft, nicht in der Pflanze selbst. Deshalb haben wir uns verpflichtet, 100% nachhaltiges Palmöl zu beziehen. Im Jahr 2019 wurden 99,6% unseres Palmöls auf nachhaltige Weise beschafft, was dem in unserem Sustainable Living Plan festgelegten Ziel entspricht, und das hat für uns weiterhin oberste Priorität.


Foto: Rebecca Marmot

Was können Verbraucher im Kampf gegen Abholzung tun?

Rebecca
: Verbraucher interessieren sich zunehmend für Umweltfragen. Sie können ihren Teil beitragen, die Gesundheit unseres Planeten zu schützen und zu verbessern, indem sie auf ihre täglichen Kaufentscheidungen achten – sie können überprüfen, woher die Produkte stammen, wie sie produziert und gefertigt werden und ob die Inhaltsstoffe nachhaltig sind.

Was können gewerbliche Kunden unternehmen?

Veronika
: Auch sie können prüfen, ob die Inhaltsstoffe des Produkts nachhaltig und ohne Abholzung beschafft wurden, weil das Produkt beispielsweise zertifiziert ist. Sie können darauf achten, ob das Fleisch, das sie kaufen, aus Gebieten stammt, die mit Entwaldung in Zusammenhang stehen. Deshalb stellen wir ihnen zu solchen Themen Informationen zur Verfügung. Und wir unterstützen sie dabei, über das Thema zu sprechen, zum Beispiel in ihrem Restaurant oder indem sie ihre Gäste in ihrer Speisekarte informieren – insgesamt ist es ein Thema, das in immer mehr Ländern ins Bewusstsein der Menschen rückt.

Wie steht es bei Gastro-Kunden um das Thema Nachhaltigkeit? Dieser Frage ging METRO mit einer internationalen Umfrage auf den Grund. Die Ergebnisse zeigen: Nachhaltigkeit beschäftigt viele – an der Umsetzung wird noch gefeilt.

Gibt es spezielle Ratschläge für Gastronomen, Hoteliers und Caterer?

Veronika:
Sie können ihre Fleisch- und Fischlieferanten fragen: Wissen diese, mit welchen Zutaten die Tiere gefüttert wurden? Woher kommt das Soja im Tierfutter, ist es ohne Abholzung erwirtschaftet? Mit der METRO App 'ProTrace' können unsere Kunden die Herkunft von Fleischprodukten überprüfen. Sie können die von uns bereitgestellten Informationen zu Themen wie Abholzung nutzen, erklären, warum es kritisch ist, und ihren Kunden Alternativen vorschlagen. Aber es ist ein Thema, das Endkonsumenten nicht immer direkt vor Augen haben. Die gesamte Lieferkette muss den großen Wandel herbeiführen.

Was sind die konkreten Maßnahmen von Unilever und METRO, um diesen Wandel voranzutreiben?


Rebecca:
Der entscheidende Weg, um Abholzung zu beenden, bedeutet, für mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit zu sorgen. Das erreichen wir bereits auf verschiedene Arten. Ein Beispiel ist das bereits genannte Palmöl. Wir haben in eine große oleochemische Anlage in Nordsumatra zur Verarbeitung von Palmöl investiert. Hier arbeiten wir mit dem staatlichen indonesischen Plantagenunternehmen PT Perkebunan Nusantara (PTPN) zusammen, um lokale Mühlen und Kleinbauern bei der Produktion von nachhaltigem Palmöl zu unterstützen. Durch die Beteiligung von Unilever sind bereits 29 der 40 Mühlen von PTPN zertifiziert worden. Darüber hinaus entwickeln und implementieren wir Technologien, die unserer Meinung nach das Potenzial haben, die Transparenz der Lieferkette radikal zu verändern. Wir bauen mit einer Reihe von Technologiepartnern ein digitales Ökosystem auf, das uns ein klareres Bild davon verschafft, woher unsere geernteten Pflanzen stammen, und das uns hilft, die Entwaldungsrisiken in unserer Lieferkette zu überwachen. So hilft uns beispielsweise unsere Partnerschaft mit Orbital Insight, einem auf georäumliche Analysen spezialisierten US-Technologieunternehmen, die einzelnen Farmen und Plantagen zu identifizieren, die am ehesten die Palmölmühlen in unserer erweiterten Lieferkette beliefern werden. Wir setzen auch unsere Arbeit zur Unterstützung von Schulungen für Kleinbauern fort. Sie machen 40% der gesamten Produktion aus. Das heißt, wenn wir die Kleinbauern nicht einbeziehen und sie mitziehen, dann können wir die mit der Branche verbundenen Probleme nicht lösen.
Veronika: Wir haben Einkaufspolitiken mit Vorgaben zu Palmöl, Soja, Papier und Holz und die erwähnte ‚Meat Policy‘, die alle das Thema Entwaldung berühren. Um diese Politik umzusetzen und auf eine ‚Null-Abholzung‘ hinzuarbeiten, diskutieren wir mit unseren Lieferanten, wie sie beispielsweise auf nachhaltiges Soja in ihrem Tierfutter umsteigen, ihre Lieferanten darum bitten oder nach Alternativen suchen können. Wir können die Entwaldung nicht allein bekämpfen, weshalb wir uns auch in Bündnissen wie der Forest Positive Coalition of Action des Consumer Goods Forum oder beim Statement of Support des Cerrado Manifesto engagieren.
 

Welche Vorteile bringt die Teilnahme an der Forest Positive Coalition of Action des Consumer Goods Forum?

Rebecca:
Wie METRO ist auch Unilever Mitglied der CGF Forest Positive Coalition of Action, einer Vereinigung ehrgeiziger Unternehmen, die sich zur Zusammenarbeit verpflichtet haben, um die rohstoffbedingte Entwaldung zu beenden und eine waldpositive Zukunft zu erreichen. Sowohl aus den Fortschritten als auch aus den Herausforderungen der CGF-Verpflichtung von 2010, bis 2020 für Palmöl, Soja, Rindfleisch sowie Papier und Karton netto keine Entwaldung zu erreichen, wurden Lehren gezogen. Eine der deutlichsten Lektionen war, dass Strategien, die auf der Verbesserung einzelner Lieferketten durch Zertifizierung beruhen, nur begrenzte Wirkung erzielen konnten. Die neue Strategie der Koalition konzentriert sich auf systemische Veränderungen und zwei Hauptsäulen: Lieferkettenmanagement und integrierte Landnutzungskonzepte. Das bedeutet, dass wir als Gruppe höhere Erwartungen an die Händler und ihre gesamte Beschaffung stellen, und dass wir gemeinsam daran arbeiten, den Wandel in wichtigen Rohstofflandschaften voranzutreiben. Die Koalitionsmitglieder wollen die rohstoffbedingte Entwaldung aus den einzelnen Lieferketten entfernen. Wir sind überzeugt, dass nur diese Kombination aus individuellem und kollektivem Handeln eine echte Wirkung erzielen wird.

Das Consumer Goods Forum

Das Consumer Goods Forum (CGF) vereinigt rund 400 Mitgliedsunternehmen von Konsumgüterhändlern und -herstellern. Die Organisation agiert global und befasst sich mit Herausforderungen wie ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit, Gesundheit, Lebensmittelsicherheit und der Richtigkeit von Produktdaten. Die Forest Positive Coalition of Action ist eine Koalition mehrerer Partner, die gemeinsame Aktionen zur Gestaltung einer positiven Zukunft des Waldes vorantreibt.

Zusammenarbeit mit gemeinsamem Ziel

Ein weiteres Thema, bei dem die Unternehmen zusammenarbeiten, ist die METRO Water Initiative: Unilever unterstützt die METRO Partnerschaft mit One Drop, die Herausforderungen im Bereich Trinkwasser, Sanitäranlagen und Hygienebedingungen (WASH) in Indien angeht. Mit Unilevers Portfolio an WASH-bezogenen Produkten wie Domestos und Lifebuoy und dem Ziel, bis 2020 zur Verbesserung der Gesundheit und des Wohlbefindens von mehr als 1 Milliarde Menschen beizutragen, ist die Unterstützung solcher Hygiene- und Sanitärprogrammen ein weiteres Beispiel, um durch Zusammenarbeit eine Wirkung in großem Maßstab zu erzielen.

Wie viel Macht haben Unternehmen, um Dinge zu verändern?

Veronika: Der einzige Weg, das globale Problem der Abholzung zu lösen, ist die Zusammenarbeit. Als Mitglieder des CGF arbeiten Unilever und METRO an einem Aktionsplan, um die Entwaldung zu stoppen. Dieser Plan beinhaltet Überlegungen mit Lieferanten und Händlern, wie wir anders arbeiten können, gemeinsam mit Bauern in Brasilien, Asien und anderen Gebieten mit Entwaldung, um sicherzustellen, dass sie einen fairen Preis für ihr Soja und ihre Palmen erhalten, damit sie in nachhaltigere Produkte investieren können. Wir arbeiten auch mit NGOs und Regierungen zusammen, um Änderungen bei der Regulierung rund um Entwaldung herbeizuführen.
Rebecca: Abholzung ist ein komplexes Thema, das von Unternehmen allein nicht gelöst werden kann. Die Transformation der globalen Lieferketten erfordert die Zusammenarbeit von Regierungen, Privatwirtschaft und NGOs. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit beschränkt sich nicht nur auf die Entwaldung, sondern umfasst auch die partnerschaftliche Bewältigung einer Vielzahl anderer globaler Herausforderungen, um in Fragen von beiderseitigem Interesse transformatorische Veränderungen in großem Maßstab voranzutreiben. Auch in Zukunft werden wir weiter zusammenarbeiten, um der Gesellschaft und unseren jeweiligen Unternehmen einen gemeinsamen Mehrwert zu bieten.


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