Grenzen Bewegen

Von energetischen Getränken und verlotterten Frisuren

Aktuelle Absatzzahlen belegen: Fertiggerichte und Energydrinks stehen im Handel hoch im Kurs. Ladenhüter hingegen: Haarspray, Deo und Parfüm. Öffnen Homeoffice, Homeschooling und Lockdown dem Lotterleben Tür und Tor? Teils, teils, meint Kolumnistin Maria.

Logisch – wenn wir schon den ganzen Tag das eigene WC benutzen, dann soll das stille Örtchen wenigstens gut riechen. Keine Überraschung also, dass laut aktueller Handelsdaten Toilettenreiniger und Klosteine ein Umsatzplus im zweistelligen Bereich verzeichnen. Weitaus weniger relevant ist dagegen der perfekte Sitz meiner Frisur, während ich mit einer Hand im Kochtopf rühre, mit der anderen versuche, mich ins virtuelle Meeting einzuwählen und im Hintergrund meine Tochter krakeelt, weil der Apfelsaft übers Oktavheft gekippt ist. Ganz offen gestanden: Es ist doch ein Glück, dass die Laptopkamera nicht so gestochen scharf ist wie die Realität, wenn es morgens mal wieder nur für einen Dutt gereicht hat.

Und das geht nicht nur mir so. Im Februar 2021 ging der Umsatz mit Haarstylingprodukten um mehr als 25% zurück gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Klar, der schnelle Zopf benötigt weniger Festiger als die Föhnfrisur fürs Büro. Und jetzt mal ehrlich: Wer wäscht seine Haare aktuell genauso oft wie vor Corona? Nicht flunkern! Aber wenn wir schon dabei sind: Haut und Haar tut es mitunter auch gut, ein wenig sich selbst überlassen zu werden.
Geschmackssache

Weniger Veranstaltungen, weniger Bier …

Auch der Absatz von Deodorant und Parfüm ist im Zuge von Corona drastisch eingebrochen. Schlimm? Schließlich sangen schon Die Doofen: „Nimm‘ mich jetzt, auch wenn ich stinke.“ Spaß beiseite. Für die Konsumgüterbranche sind diese Zahlen durchaus ernst. Immerhin hängen an den abgesetzten Waren ganze Sortimente und damit Zulieferer und Produzenten – und nicht zuletzt auch Arbeitsplätze. Was mich in der allgemein angespannten Lage doch auch sehr verwundert hat, ist der sinkende Bierabsatz in Deutschland. Das Statistische Bundesamt sieht dafür allerdings weniger den Privatkonsum, sondern vielmehr die Schließung der Gastronomie und dem Ausfall von Großveranstaltungen als Ursache.

Apropos zwangsverrammelte Restaurants und geschlossene Kantinen. Ich schrieb ja schon an anderer Stelle – Bananenbrotbacken und Selberkochen haben durchaus ihren Charme. Aber irgendwie sind wir’s nun auch langsam satt. Denn wenn wir auch hier mal ehrlich sind, kann die heimische Küche niemals das Flair eines Restaurants ersetzen. Und, Stichwort Kinderbetreuung und unbequeme Wahrheiten: Um jeden Tag ausgewogen und frisch zu kochen, muss man auch erstmal die Zeit dafür haben. Das erklärt, weshalb Fertigkost neuerdings besonders gefragt ist. 2020 wurden knapp 50.300 Tonnen mehr Fertiggerichte in der Bundesrepublik produziert als im Vorjahreszeitraum (+4,9%). Immerhin, ein Funke Gesundheitsgedanke bleibt offenbar: Den größten Zuwachs gab es bei den Gemüsegerichten.

… aber mehr Sportgetränke trotz weniger Sport?


Verbraucher griffen zuletzt übrigens auch überproportional oft zu Energydrinks; ein deutliches Plus von bis zu 46% prangt in der Kategorie „Sport-/Energiegetränke“. Auf mehr sportliche Aktivitäten ist das in den allermeisten Fällen wohl kaum zurückzuführen. Eher auf den Spagat zwischen Kinderbetreuung und Arbeit – der letzte Strohhalm, um vermeintliche Energiereserven zu aktivieren?

Mir wurde unterdessen (vielleicht, weil ich meiner Familie ein bisschen zu oft TK-Gemüsegerichte serviert habe) jüngst zum Geburtstag ein Kontaktgrill geschenkt. Ein tolles Ding. Aufklappen, Steak rein, zuklappen. Piept, wenn das Fleisch den gewünschten Bratzustand erreicht hat, vorher gart schon das Gemüse im Ofen, nachher kommt alles in den Geschirrspüler – fertig. Genau nach meinem Geschmack, buchstäblich. Trotzdem: Vom Niveau eines Gastro-Kochs bin ich noch meilenweit entfernt, leider genauso weit wie von meiner Lieblingsbar… Ich werde die vollständige Wiedereröffnung der Gastronomie deshalb jedenfalls ganz besonders zelebrieren – und rein aus Prinzip, allen Daten zum Trotz, mit einem neuen Parfüm und einer frisch gestylten Frisur.

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